Benchmark
Serie:Lernen von den Besten
Starke Teams für Flexibilität
18.06.2008
Serie Teil 17: werkzeug&formenbau stellt in dieser Serie erfolgreiche Werkzeug- und Formenbauer aus dem deutschsprachi-gen Raum vor und berichtet detailliert über deren Stärken und warum sie so wettbewerbsfähig sind. Heute: Braunform in Bahlingen und der Werkzeugbau Siegfried Hofmann in Lichtenfels
Standardisierte Abläufe, ein hoher Grad an Automatisierung, die durchgetaktete Werkzeugfertigung – stark strukturierte Abläufe sind für eine rationelle, straff organisierte Werkzeugfertigung ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Spätestens bei der ersten Änderung, einer ungeplanten Reparatur oder einem Eilauftrag stoßen solche Strukturen an Grenzen.
„Automatisierung ist im Werkzeug- und Formenbau immer eine sehr schwierige Gratwanderung”, betont Eckard Herb, Technischer Leiter bei der Braunform GmbH, dem diesjährigen Sieger in der Kategorie „Externer Werkzeugbau über 100 Mitarbeiter”. „Setzen wir zu sehr auf Automatisierung, laufen wir Gefahr, dass wir zu unflexibel werden und die Automatisierung auch nicht voll auslasten können. Gehen wir zu wenig in diese Richtung, gefährden wir unsere Wettbewerbsfähigkeit. Deshalb ist es für uns wichtig, die Technik stets auf einem aktuellen Stand zu halten.”
Standardisiert und doch flexibel
Um die Vorteile der Werkzeugfertigung nach industriellen Maßstäben mit der Möglichkeit zu hochflexibler Reaktion zu kombinieren, setzen die Verantwortlichen bei Braunform auf eine zweigleisige Lösung: Neben dem hochindustrialisierten, stark standardisierten Werkzeugbau gibt es in dem Bahlinger Unternehmen seit kurzem eine „Task Force” aus hochqualifizierten, technisch gut ausgestatteten Mitarbeitern, die schnell und effizient das abfangen, was sonst die Abläufe behindern könnte. Eine Abteilung, die sukzessive mit allen technischen Möglichkeiten ausgestattet wird, die ein schlagkräftiger Formenbaubetrieb braucht.
„Hier sind die Kommunikationswege kurz, die Strukturen überschaubar und die Reaktionsmöglichkeiten schnell und flexibel”, erklärt Herb. „So lassen sich beispielsweise Reparaturen oder Änderungen, die nicht optimal in unsere Abläufe passen, rationell und ohne Behinderung anderer Aufträge abwickeln.”
Braunform setzt auf konsequente Führung mit Zielen, Leitlinien und Vereinbarungen: „Wenn die Mitarbeiter wissen, wo das Unternehmen hinwill, können sie sich auch entsprechend einbringen”, erläutert der technische Leiter. „Wir setzen auf durchwegs sehr gut qualifizierte, mitdenkende, kreative Mitarbeiter – nicht auf Befehlsempfänger.”
Mitarbeiter tragen Verantwortung
Freilich – es gibt durchaus auch verbindliche Vorgaben und Richtlinien, beispielsweise Standards in der Konstruktion. Aber in vielen Bereichen können die Mitarbeiter selbst entscheiden. Mit sehr gutem Erfolg.
Dazu gehört aber auch, dass sie alle benötigten Informationen bekommen – bis hin zu den Kennzahlen des Unternehmens. Bei Braunform übernimmt diese Funktion das rege genutzte Intranet, das auch den Informationsaustausch zwischen den Mitarbeitern unterstützt und in dem auch eine Wissensdatenbank geschaffen wurde. „Zugegeben – wir haben lange gekämpft, bis unsere Mitarbeiter bereit waren, ihr Wissen und ihre Erfahrungen auch mit ihren Kollegen zu teilen”, räumt Herb ein. „Aber inzwischen haben alle erkannt, dass jeder davon nur profitieren kann. Und jetzt wächst die Datenbank sehr schnell.”
Auch in Menschen investieren
Informiert sein – das bedeutet aber auch, genau zu wissen, woran man arbeitet: Das Unternehmen legt sehr viel Wert darauf, dass die Mitarbeiter ihre Kunden (auch die Personen!) und deren Produkte kennen. „Denn schließlich ist es letztendlich der Kunde, der unseren Lohn bezahlt”, erläutert Herb.
Das Unternehmen legt sehr großen Wert auf Aus- und Weiterbildung, unterstützt auf vielfältige Weise Mitarbeiter, die beispielsweise auf eine Techniker- oder Meisterschule gehen wollen oder ein Studium beginnen. „Wir brauchen im Werkzeug- und Formenbau zunehmend Ingenieurswissen”, betont Eckard Herb. Das Risiko, dass Mitarbeiter nach der Ausbildung das Unternehmen verlassen, geht er ein: „Wenn sich jemand im Unternehmen wohlfühlt und von seinem Arbeitgeber auch bei der Fortbildung unterstützt wird, ist die Bereitschaft sehr hoch, dass die Leute auch wieder zurückkommen”, erklärt er. „Es macht für unsere Branche durchaus Sinn, nicht nur in immer bessere Maschinen zu investieren, sondern auch in die Menschen, die unsere Unternehmen voranbringen sollen.”
Braunform fertigt 60 Prozent seiner Formen im Zwei- und Mehrkomponentenbereich. Alle Formen werden im Unternehmen gebaut. Dabei sieht sich das Unternehmen immer stärker als SysÂtemlieferant, bietet von Konzeption und Entwicklung über den Formenbau bis hin zu Werkzeugtests und dem Einfahren der Werkzeuge ein weites Spektrum an Leistungen.
Auch beim Werkzeugbau Siegfried Hofmann in Lichtenfels setzt man darauf, möglichst alles aus einer Hand bieten zu können. Neben dem „Herzstück”, dem Werkzeugbau, kamen so nach und nach drei weitere Standbeine im Unternehmen dazu: der Modellbau als eigenes Unternehmen für Prototypen und Kleinserien, die Hofmann & Engel GmbH in Dresden für Produktentwicklungs- und Engineering-Dienstleistung, und als jüngstes Standbein die Concept Laser GmbH, die mit dem generativen Verfahren Laser Cusing für Aufsehen sorgt.
Automatisierung ohne Schrecken
Innovation wird im Unternehmen gelebt: Maschinenkonzepte auf dem neuesten technischen Stand, ein hoher Grad an Automatisierung und eine sehr gute Ausstattung bis hin zu den CAD/CAM-Systemen schaffen die Grundlage für den Erfolg des Unternehmens. Die Organisationsstrukturen setzen sehr konsequent auf Standardisierung sowohl einzelner Elemente als auch von Abläufen – sogar das „Krisenmanagement” ist standardisiert.
Die Automatisierung ist unter den Mitarbeitern bei Hofmann alles andere als ein Schreckgespenst: „Anfangs gab es durchaus einzelne Vorbehalte und die Angst, dass Roboter Arbeitsplätze ersetzen und die Arbeit monoton gestalten”, erläutert Geschäftsführer Günter Hofmann. „Aber genau das Gegenteil ist ja der Fall – Automatisierung nimmt ja nicht die schönen, die interessanten Arbeiten weg, sondern entlastet bei Routinetätigkeiten.”
Konsequent durchgängig ist auch der Informationsfluss im Unternehmen: Ein
Zwicker-System sorgt mit Ident-Chips dafür, dass manuelle Eingaben weitestgehend überflüssig sind – so wird eine wesentliche Fehlerquelle vermieden. Alle Informationen stehen über Datei-Viewer an nahezu allen Arbeitsplätzen zur Verfügung – papierlos, stets aktuell und genau da, wo sie benötigt werden.
Mit Automatisierung und Standardisierung lässt sich ein Großteil der bei Hofmann anfallenden Aufträge und Arbeiten abdecken. „Automatisierung kann sogar Flexibilität sichern, wenn es immer um gleiche oder ähnliche Teile geht”, erklärt Hofmann. „Aber ein Rest bleibt, der nicht ins Schema passt.”
Auch in Lichtenfels wurde dafür eine eigene Abteilung mit hochqualifizierten Mitarbeitern und entsprechender technischer Ausstattung geschaffen, die schnell und flexibel reagieren kann – ein kleiner „Werkzeugbau im Werkzeugbau”, der auch unkonventionelle Änderungen und Reparaturen abdeckt.
Botschafter für das Unternehmen
Günter Hofmann legt ebenfalls großen Wert auf qualifizierte, selbständige Mitarbeiter. Auch in seinem Unternehmen werden Jugendliche ausgebildet und Mitarbeiter bei ihren Fortbildungen unterstützt. „Freilich kommt nicht jeder Mitarbeiter zurück, der beispielsweise sein Ingenieursstudium absolviert hat – gut ausgebildete Leute sind eben auch in anderen Unternehmen sehr gefragt”, erklärt Hofmann. Gram ist er den „Wechslern” indes nicht: „Wenn die Leute gute Erinnerungen an ihre Zeit bei uns mitnehmen, können sie für uns wichtige Botschafter sein – ein Netzwerk, das letztlich unserem Unternehmen zugute kommt.”
Gute Mitarbeiter sind für ihn einer der wichtigsten Standortfaktoren in Deutschland: „Wir brauchen innovative Leute, die in der Lage sind, auch einmal über den Tellerrand hinauszublicken. Mitarbeiter, die auch bereit sind, progressiv
zu denken und durchaus auch einmal kalkulierte Risiken eingehen”, betont
der Unternehmer. „Das ist eigentlich ganz gegen die sonst so auf Sicherheit
bedachte Werkzeugbauer-Mentalität, bei der sichere Prozesse an erster Stelle
kommen. Aber wir haben in Deutschland langfristig im internationalen Wettbewerb nur dann eine Chance, wenn wir auch weiterhin innovativ bleiben, die Technologien vorantreiben, unser Know-how nutzen und Werkzeuge im Grenzbereich des Möglichen fertigen können.”
Eine dieser Grenzanwendungen eröffnet dem Unternehmen beispielsweise die „Variotherm”-Technologie, mit dem sich bindenahtfreie hochglänzende Teile spritzen lassen – der Schlüssel dafür ist eine innovative Wärmesteuerung im Werkzeug: „Das ist eines der wenigen Verfahren, die in Asien entwickelt wurden – ursprünglich für Rahmen von Flachbildschirmen”, erklärt Hofmann. „Insbesondere in Kombination mit dem Laser-Cusing-Verfahren können wir hier die Vorteile dieser Technologie ausspielen.”
Begründungen der Jury
Braunform GmbH, Bahlingen
Das inhabergeführte Unternehmen Braunform wurde 1977 am Standort Bahlingen gegründet und konnte seitdem stetig expandieren. Neben der Herstellung von komplexen Spritzgießformen betreibt das Unternehmen auch eine eigene Teilefertigung, in der vor allem medizintechnische Produkte unter Reinraumbedingungen hergestellt werden. Das Produktspektrum umfasst komplexe Mehrkomponenten- und Multikavitäten Spritzgießformen für verschiedenste Branchen. Dabei wird auf eine starke Branchendiversifizierung Wert gelegt, so dass heute Schalter für die Automobilindustrie ebenso vertreten sind wie Medizin- oder Consumer-Artikel. Das Unternehmen bietet neben der Fertigung von Spritzgießformen auch Drehteller für Spritzgießmaschinen an, die als Katalogware oder Sonderanfertigungen ausgeführt werden.
Werkzeugbau Siegfried Hofmann GmbH, Lichtenfels
Der Hofmann Werkzeugbau wurde 1958 vom Vater des jetzigen Besitzers gegründet und stellt komplexe Spritzgießformen im Größenbereich von 0,5 bis 50t her. Kunden sind vor allem die Automobil-, Haushaltsgeräte-, Luftfahrt- und Elektronikindustrie. Tochterunternehmen sitzen in Spanien, Tschechien und in China. Als Teil der Hofmann Innovation Group AG profitiert der Werkzeugbau von den Kompetenzen im Bereich der Produktentwicklung, Prototypen- und Musterfertigung sowie des Sondermaschinenbaus. Das Unternehmen tritt daher als Generalunternehmer und Partner für anspruchsvolle Kunststoffprodukte auf. Durch die Kompetenz aus einer Hand können zykluszeitreduzierte, effiziente Produktionslösungen geliefert werden. Durch Produktivitätssteigerungen ist man mittlerweile in der Lage, mit Werkzeugbau-Betrieben aus Niedriglohnländern preislich mitzuhalten.
Stärkeprofile
Braunform GmbH, Bahlingen
- Umfassendes Angebot von der Produkt-Entwicklung über Werkzeugfertigung und Tryout auf eigenen oder Kundenmaschinen bis hin zur Klein- und Großserienfertigung
- Äußerst anspruchsvolle Mehrkomponenten- und Multikavitätenformen mit hoher Genauigkeit. Formen für innovative Materialien wie Keramik oder Silikon
- Hohe Diversifizierung des Produkt- und Branchenspektrums
- Hohe Transparenz über Auftragsstatus durch selbst programmierte Auftragsabwicklungs-Software
- Sehr vorausschauende Regelung der Nachfolge in der Unternehmensführung
- Moderner Maschinenpark mit Mehrmaschinenbedienung und hoher Auslastung, Dreischichtbetrieb in Teilen der Fertigung
- Gezielte Nutzung der eigenen Fertigung zur Optimierung der WerkzeugÂentwicklung auch für externe Aufträge
- Sehr ergonomische Gestaltung der Arbeitsplätze (z.B. höhenverstellbare Montagearbeitsplätze)
Werkzeugbau Siegfried Hofmann GmbH, Lichtenfels
- Kooperationsaktivitäten in der Hofmann Innovation Group
- Vollautomatisierte Fertigungslinie zur Herstellung von Elektroden (vom Norm-Rohling bis einschließlich Vermessung)
- Innovationstreiber bei Werkzeugtechnologie (z.B. Hybridtechnik, Laser-Cusing auf vorbearbeitetem Formeinsatz, konturnahe Flächenkühlung, Variotherm: gesteuertes zyklisches Aufheizen und Abkühlen der Form)
- Starke Kundenorientierung (Dienstleistungsangebot, Erreichbarkeit, Liefertreue)
ÂÂÂIm Profil
- Produkte: Spritzgießformen für verschiedenste Branchen
- Kunden: Unternehmen der Branchen Hygiene, Verpackung, Medizintechnik und Diagnostik, Consumer Goods, Elektro, Automobil
- Mitarbeiter: 128 (davon 22 Auszubildende)
- Umsatz: 23 Mio. Euro
- Besonderheiten: Systemlieferant von der Entwicklung bis zur Serienproduktion
- Kontakt: Braunform GmbH Kunststoff-
und Pharmatechnik, D-79353 Bahlingen,
Tel.: 07663/9320-0, www.braunform.com
Werkzeugbau Siegfried Hofmann GmbH, Lichtenfels
- Produkte: Spritzgießformen
- Kunden: Unternehmen der Branchen Automotive und Haushalt
- Maschinenpark: 5-Achs-HSC bis max. 2000 x 1800 x 1100 mm, Senkerosion bis max. 2750 x 1550 x 1600 mm, Linie für Elektrodenfertigung (inkl. Vermessen), Linie für Senkerosion (inkl. Vermessen), 2 LaserCusing M3 Linear Anlage
- Mitarbeiter: 230 (davon 30 Auszubildende)
- Umsatz: 25 Mio. Euro
- Besonderheiten: „Zeichnungsfreie” Fertigung, Hoher Automatisierungsgrad (Fertigungslinien), Änderungsabteilung, spezielle Werkzeugtechniken (Variotherm-, Wendeplattentechnik,…), modernes Ausbildungszentrum
- Kontakt: Werkzeugbau Siegfried Hofmann GmbH, D-96215 Lichtenfels; Günter Hofmann, Tel.: 09571/766-0, E-Mail: info@hofmann-wzb.de
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