Trendreport

Medizintechnik

Gesunde Entwicklung in stürmischen Zeiten

04.05.2009

Branche: Nicht erst in wirtschaftlich schlechten Zeiten überlegen sich zahlreiche Unternehmen einen Einstieg in die Medizintechnik – Gesundheit ist trotz aller Reformen und Kürzungen auch in schwierigen Zeiten ein sicheres Geschäft. Blick auf eine Branche, die dem gesamtwirtschaftlichen Trend mit Innovationen und Weiterentwicklungen trotzt.
Gesundheit ist eines unserer höchsten Güter – und mit das Letzte, auf das ein Mensch verzichten möchte. Auf der anderen Seite steht eine Gesellschaft, in der die Menschen immer höhere Lebensalter erreichen. Beides erfordert ein ausgefeiltes Gesundheitssystem: Mit 245 Mrd. Euro jährlich werden allein in Deutschland mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Gesundheitssektor erwirtschaftet – das ist mehr, als die gesamte Automobilindustrie beiträgt. Etwa jeder zehnte Arbeitsplatz ist heute bereits in der Gesundheitswirtschaft angesiedelt, Tendenz steigend.

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Ein wichtiger Bestandteil dieses Gesundheitssektors ist das Feld der Medizintechnologien, die gerade in Deutschland immer mehr an Bedeutung gewinnen. Laut Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) beschäftigt die Kernbranche in Deutschland inzwischen rund 170 000 Arbeitnehmer in rund 11 000 produzierenden Unternehmen. Der Bedarf an unterschiedlichsten medizinischen Leistungen – und damit auch an den Produkten der Medizintechnologie – wird weiter steigen, Patienten sind immer mehr bereit, ihre Gesundheit als sinnvolle Investition in die Zukunft zu betrachten. Der Weltmarkt der Medizintechnik hat ein Gesamtvolumen von rund 250 Mrd. Euro, die Wachstumsrate 2008 lag trotz Wirtschafts- und Finanzkrise bei rund drei Prozent. Der deutsche Medizintechnik-Markt hat am Weltmarkt einen Anteil von acht Prozent, Deutschland ist damit nach Amerika mit 41 Prozent und Japan mit rund 12 Prozent der drittgrößte Einzelmarkt, auf das übrige Europa entfallen weitere 27 Prozent.

Zu den Unternehmen, die im Bereich der Medizintechnik aktiv sind, zählen auch zahlreiche zum Teil hochspezialisierte Werkzeug- und Formenbauer, die für die innovative Branche die Grundlage zur Produktion legen. Auf der anderen Seite sind immer mehr Werkzeug- und Formenbauer aber auch in einem Feld tätig, das höchste Effizienz bei Losgröße 1 erfordert: der Fertigung maßgeschneiderter Implantate, die für jeden Patienten individuell angefertigt werden. Prototypenbau pur.

Eines der augenfälligsten Beispiele ist die Dentaltechnologie, die etwa mit immer verträglicheren, haltbareren und auch optisch ansprechenden Lösungen beim Zahnersatz für neue Lebensqualität sorgt. Qualitativ hochwertige Zahnimplantate sind in der Regel Unikate, die exakt an die anatomischen Gegebenheiten des Patienten angepasst wird.

Maßgeschneiderte Implantate
Ein anderes Beispiel sind Implantate, die etwa nach Kopfverletzungen individuell angefertigt werden, um die Operation für Mediziner und Patienten komfortabler und in ihrem Verlauf verträglicher zu gestalten – individuell gefertigte „Ersatzteile” ermöglichen vielen Patienten ein beschwerdefreies Leben.

Aber auch, wenn es um Serien geht – etwa für Kniegelenke, für medizinische Instrumente, für Kanülen und ähnliches – sind Werkzeug- und Formenbauer gefragt: Schmiedegesenke, Spritzgießformen, Folgeverbundwerkzeuge – nahezu das gesamte Spektrum des Werkzeugbaus kommt auch in der Medizintechnik zum Einsatz. Die Palette der in Werkzeugen und Formen gefertigten Produkte in der Medizintechnik reicht dabei von der Standard-Prothese bis zur Kanüle, von der Einmal-Schere für mikroinvasive Chirurgie über Bestandteile von Diagnostikkomponenten bis zur sterilen Verpackung von Arzneien und zum OP-Material.

Die Medizintechnologie ist ein weltweiter Wachstumsmarkt. Die demographische Entwicklung – weltweit gibt es immer mehr Menschen, die ein hohes Alter erreichen und dabei verstärkt auf medizinische Hilfe angewiesen sind – sowie der medizinische Fortschritt und auch das in den vergangenen Jahren deutlich geschärfte Gesundheitsbewusstsein der Menschen weltweit sorgen dafür, dass die Branche auch in der Krise zulegen kann.

Unterschiedlichste Anforderungen
Wer für die Medizintechnik liefern möchte, sieht sich mit unterschiedlichen Anforderungen konfrontiert: Ist es im einen Feld die µ-genaue Fertigung von Formwerkzeugen, reicht in anderen Gebieten locker ein Hundertstel – dafür werden dort dann vielleicht höchste Ansprüche an die Oberflächen gestellt, etwa bei chirurgischen Instrumenten, weil sie leicht zu desinfizieren sein müssen.

Bei Implantaten wiederum steht neben den funktionalen Eigenschaften auch die Verträglichkeit der Werkstoffe im menschlichen Körper im Vordergrund. Nicht zuletzt weil die Gesundheit oder gar das Leben der Patienten von der Einhaltung eng gefasster Vorgaben abhängen können, geht in vielen Bereichen nichts ohne entsprechende Zertifizierung.

Wenn es nicht um Standard geht, ist oft eine enge Zusammenarbeit zwischen technischen und medizinischen Experten gefordert. Neue Technologien insbesondere auch in der klinischen Messtechnik (CT) steht in enger Verbindung mit der Technik in der Werkstatt: So wird es möglich, dass direkt aus den originalen Patientendaten mit dem Know-how von Chirurg und Techniker das Programm für das Implantat entsteht – das dann je nach Bedarf direkt gefräst, generativ gefertigt oder in einem entsprechend gefertigten Formwerkzeug gespritzt werden kann.

Die Medizintechnologie ist eine Branche, die forschungsorientiert und technologisch innovativ wie kaum eine andere ist: Durchschnittlich stecken die Unternehmen rund neun Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Pro Jahr kommen mehr als 11 000 Patente aus dem Medizintechnik-Sektor – mehr als 11 Prozent aller Anmeldungen insgesamt. In Deutschland ist dies insbesondere aufgrund der großen Zahl an Universitätskliniken und sonstigen medizinischen Kompetenzzentren sowie der Nähe zu den führenden Maschinenherstellern, so dass kurze Wege gewährleistet sind.

Für innovative Unternehmen aus dem Werkzeug- und Formenbau bieten sich in der Medizintechnik unterschiedlichste Felder – von der Mikrobearbeitung kleinster Strukturen etwa für Diagnostik-Zubehör bis hin zur großen Gehäuseform einer Anlage, von der Ultra-Hartbearbeitung exotischer Materialien bis zu hochkomplexen Mehrkomponentenwerkzeugen. Eine Branche, die trotz teilweise hoher Einstiegshürden ein durchaus interessantes und zukunftssicheres Betätigungsfeld bietet. -Rw-

Profil
Medizintechnik-Branche in Deutschland
Medizinprodukte sind ein bedeutender Wirtschafts- und Arbeitsmarktfaktor in Deutschland. Die wichtigsten Kennzahlen der Medizintechnikbranche im Überblick:

Gesamtumsatz: 17,3 Mrd. Euro
Inlandsumsatz: 6,2 Mrd. Euro
Anzahl Mitarbeiter: 170 000
Anzahl Unternehmen: 12 000

Dabei arbeiten in rund 1250 Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten rund 95 000 Mitarbeiter, die übrigen 75 000 Mitarbeiter verteilen sich auf kleinere und kleinste Unternehmen. Rund ein Drittel ihres Umsatzes erzielen deutsche Medizintechnikhersteller mit Produkten, die weniger als drei Jahre alt sind.

Beim Export liegt Deutschland mit einem Welthandelsanteil von 14,6 Prozent hinter den USA (30,9 Prozent) auf dem zweiten Platz; auch bei den angemeldeten Patenten liegt Deutschland hinter den USA auf Rang 2. Durchschnittlich investieren die forschenden Medizintechnik-Unternehmen rund neun Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung.

Drei Fragen an Hans Keller, Leiter Werkzeugbau Aesculap, Tuttlingen
„Branche entwickelt sich gut – auch in der Krise”
Hans Keller, Leiter Werkzeugbau bei Aesculap in Tuttlingen, sieht durchaus noch lukrative Chancen für Werkzeugbauer in der Medizintechnik.

08-01Herr Keller, kann ein Werkzeug- und Formenbauer heute in der Medizintechnik noch Geld verdienen?
Ja, durchaus. Zwar sind die Margen bei weitem nicht mehr so hoch wie in früheren Zeiten, aber im Vergleich etwa mit der Automotive-Industrie fallen sie immer noch ganz ordentlich aus. Dazu kommt, dass die Gesundheitsbranche sich gut entwickelt – auch in der jetzigen Krise.

Welche Bereiche bieten hier noch Potenzial?
Gefragt sind nach wie vor Fähigkeiten in der Mikrobearbeitung. Es gibt immer mehr Anwendungen beispielsweise für Mikro-Spritzgießwerkzeuge oder für Mikro-Folgeverbundwerkzeuge. Hier gibt es für diejenigen, die die erforderlichen Technologien beherrschen, noch genügend Chancen.

Was sollte ein Werkzeug- und Formenbauer für die Medizintechnik mitbringen?
Zertifizierungen sind nicht notwendig, wenn man für ein zertifiziertes Unternehmen arbeitet, das die Werkzeuge selbst abnehmen kann. Aber von den Werkzeug- und Formenbauern in der Branche wird ein hoher technischer Stand erwartet. „Ein bisschen” fräsen können reicht eben oft nicht angesichts der anspruchsvollen Projekte. Viele Interessenten, die bei uns anfragen, haben beispielsweise Defizite beim 3D-Fräsen oder in der 5-Achs-Bearbeitung. Auch der Vorrichtungs- oder Lehrenbau ist oft ein kritischer Punkt, der gern unterschätzt wird. Was sehr wichtig ist: Wer für die Branche arbeitet, muss sehr schnell liefern können und sehr flexibel sein.


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