Branche
Taiwan
Grundsolider Kleiner Tiger
04.05.2009
Konjunkturbarometer Asien: Taiwan, das „andere” China, steht meist im Schatten des großen „Drachen” auf dem Festland. Zu Unrecht, wie ein Besuch auf der Maschinenbaumesse Timtos in Taipeh zeigt:Die Hersteller auf der Insel haben sich einem grundsoliden Maschinenbau verschrieben – und sie sind überraschend innovativ.

Maschinen aus Taiwan werden noch immer gern unterschätzt. Ähnlich wie es einst japanischen Produkten ergangen ist. Dabei zeigte die 14. „Taipei International Machine Tool Show” (Timtos), dass aus Taiwan neben grundsolidem Maschinenbau durchaus auch interessante, eigenständige Neuentwicklungen kommen.
Etwa beim hierzulande weitgehend unbekannten Erodiermaschinen-Spezialisten Chmer EDM, der mit dem neuen Modell HX43 eine Hybridmaschine zum Erodierbohren und -fräsen präsentierte. Oder das horizontale Großbearbeitungszentrum BMC-250T von Femco (Far East Machine Co. Ltd.), das in der Lage ist, je nach Bearbeitungsaufgabe drei unterschiedliche Bearbeitungsköpfe automatisiert einzuwechseln.
Entwicklung zum Hochlohnland
Auf der Messe präsentierte eine Reihe von Unternehmen und Unternehmensgruppen Produkte, die einen zweiten Blick durchaus lohnen. Insbesondere bei Automatisierungslösungen hatten sich die F&E-Abteilungen Gedanken gemacht – es ist spürbar, dass sich Taiwan zum Hochlohnland entwickelt und damit ähnliche Probleme hat wie Europa: Gute Facharbeiter sind rar und teuer.
Schlimmer noch: Festland-China ist gleich vor der Haustür, keine langen Wege und insbesondere keine Sprachbarriere schützt vor dem Wettbewerb aus dem Reich der Mitte. Insbesondere das Gros des einfacheren Werkzeug- und Formenbaus ist komplett über die Taiwan-Straße abgewandert, was geblieben ist, sind die Spezialisten, die hohe Qualität bieten – dafür aber auch durchaus europäische Preise nehmen.
Klar, es gab auf der Messe auch diesmal wieder zahlreiche Clones erfolgreicher Maschinen aus Deutschland, Japan und der Schweiz. Man konnte indes auch Überraschungen erleben:
Angesprochen auf die unverschämt „gelungene” Kopie der Maschine eines europäischen Herstellers erklärte der CEO des taiwanesischen Herstellers: „Wenn Sie diese Maschine mit dem Logo des europäischen Herstellers sehen wollen, müssen Sie zu mir ins Werk kommen – der kauft die nämlich komplett bei uns zu.” Diese „Labeling” genannte Praxis scheint gar nicht so unüblich – insbesondere in der Einstiegsklasse. Aber auch taiwanesische Maschinenteile – beispielsweise die Rundtische von GSA+ – finden sich in zahlreichen Maschinen europäischer Hersteller wieder. Die Qualität scheint offenbar zu stimmen.
Die Krise hat auch Taiwan stark gebeutelt – das Land ist stark vom Export abhängig, und der Hauptmarkt China ist nahezu komplett eingebrochen. Taiwans Präsident Ma Ying-jeou kündig-te anlässlich der Eröffnung der Messe
neben Infrastrukturmaßnahmen auch die Ausgabe von Konsumgutscheinen an alle Taiwanesen an, um die Wirtschaft anzukurbeln. Auch die Industrie darf auf massive Hilfen hoffen.
Langfristiges Denken
„Die taiwanesischen Hersteller können die momentane Situation dank der vergangenen erfolgreichen Jahre in der Regel verkraften, man denkt langfristig und kann mit Krisen durchaus umgehen”, erklärt etwa Sascha Fischer, Deputy Director bei Siemens Taichung. „Die meisten Unternehmen hier – auch die großen – sind in Familienbesitz, sind solide finanziert und haben finanzielle Ressourcen aufgebaut, um diese Durststrecke zu überstehen.”
So war auf der Timtos die Stimmung vergleichsweise gut – auch wenn die Auftragsvolumina gerade mal ein gutes Drittel der üblichen Werte erreichten.
Auf 43 000 m2 Ausstellungsfläche im Stadtteil Nangang sowie zu Füßen des Taipei 101 präsentierten sich neben taiwanesischen Ausstellern auch zahlreiche europäische Unternehmen: Taiwan ist auch für Exporte ein interessanter Markt. Nach Japan und den USA belegen Werkzeugmaschinen und Teile aus Deutschland in der taiwanesischen Importstatistik Platz drei, das Volumen in der Tendenz steigend.

„Wir konnten in den vergangenen Jahren beobachten, dass die Ansprüche an Präzision und Qualität deutlich gestiegen sind”, erklärt etwa Philippe Uebelhart, Managing Director bei Rollomatic, am Messestand des Unternehmens. „Die Taiwanesen müssen sich von Festlandchina differenzieren – und das geschieht hauptsächlich über höhere Qualität oder schwierigere, komplexere Werkstücke. Wer nur über den Preis geht, hat inzwischen ein Problem. Und hier haben wir als europäische Unternehmen eine gute Chance, unsere Position auszubauen.” Rw
Das sagt die Redaktion
Bedarf an hochwertigen Werkzeugen
Taiwan ist erfolgreich auf dem Weg, das „Billig”-Image abzuschütteln und gerade im Bereich der Metallverarbeitung auch in Sachen Qualität zu europäischem Niveau aufzuschließen. Das bietet auch dem deutschen Werkzeug- und Formenbau interessante Anknüpfungspunkte – immer komplexere, hochwertigere Teile verlangen nach erstklassigen Werkzeugen, hier bietet sich die Chance eines interessanten Absatzmarktes. Aber auch Maschinen aus Taiwan verdienen durchaus einen zweiten Blick: Der Maschinenbau ist im allgemeinen grundsolide, neben auch bei uns bekannten Unternehmen wie Leadwell oder Chevalier gibt es noch zahlreiche weitere interessante und kreative Hersteller. Über teilweise sehr enge Kooperationen mit europäischen Unternehmen – so arbeitet beispielsweise Euma Taichung mit Spinner zusammen – soll auch der Service hierzulande sichergestellt werden. Und wenn taiwanesische Maschinen gar komplett „gelabelt” werden, ist dies ein sicheres Indiz dafür, dass europäische Maschinenhersteller den Produkten aus der „Republik China” hohe Qualität zubilligen. -Richard Pergler-
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