Trends & Innovationen

Automatisierung – Hype oder doch sinnvolle Investition?

16.02.2010

Podiumsdiskussion: Auf der Euromold fanden sich neun Experten aus Werkzeug- und Formenbauunternehmen, Hochschulen und von Herstellern von Automatisierungslösungen zu einer lebhaften Debatte ĂŒber Automatisierungslösungen bei LosgrĂ¶ĂŸe 1 zusammen. Moderiert wurde die spannende Diskussion von werkzeug&formenbau-Redakteur Richard Pergler.

PodiumsdiskussionDer Begriff „Automatisierung“ wird in erster Linie mit Großserie verbunden – hohe StĂŒckzahlen mit immer wiederkehrenden gleichen Arbeitsschritten rechtfertigen den Aufwand technischer Automatisierungslösungen. Der Werkzeug- und Formenbau hingegen ist klassischerweise Unikatfertigung – selten kommen zwei Werkzeuge, die absolut gleich sind. Trotzdem ist auch hier die Automation inzwischen auf dem Vormarsch – wenn sie auch nicht in allen Betrieben auf ungeteilte Zustimmung trifft.

Sinnvolle Automatisierungslösungen
„Ich gehöre zu der Generation im Werkzeug- und Formenbau, die einst fest davon ĂŒberzeugt war, dass es eine Automatisierung fĂŒr den Werkzeug- und Formenbau nicht geben kann“, erklĂ€rt Willi Schmidt, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Schenk & Schmid Werkzeugbau GmbH in Schwendi und zugleich auch GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Verbands Deutscher Werkzeug- und Formenbauer (VDWF). „Aber wir haben umdenken mĂŒssen – ich wage heute zu behaupten, dass auch ein kleiner Werkzeugbauer um die Automatisierung nicht herumkommt. Der Werkzeug- und Formenbau ist eine SchlĂŒsselindustrie, die mit Hightech arbeitet. Und dazu gehören auch sinnvolle Automatisierungslösungen. Wichtig ist dabei allerdings: Es muss fĂŒr jeden Werkzeugbau ein System maßgeschneidert werden, das exakt auf die eigenen BedĂŒrfnisse abgestimmt ist.“

Bereits seit zwölf Jahren hat der Formenbauer Walther Wolf in Wendelstein angefangen, einzelne Maschinen zu automatisieren. „Wir hatten am Anfang durchaus Lehrgeld bezahlt – damals war der Schritt zur Automatisierung noch nicht selbstverstĂ€ndlich“, erklĂ€rt Jochen Dorlöchter, GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Unternehmens. „Inzwischen sind wir einen Schritt weiter und haben die Maschinen miteinander verkettet. RĂŒckblickend sind wir sehr zufrieden mit diesem Weg.“ Allerdings, so Dorlöchter, reicht es eben nicht, sich die Hardware zu kaufen und dann loszulegen: „Wer sinnvoll automatisieren will, ist gezwungen, sehr intensiv ĂŒber seine eigenen Fertigungsprozesse nachzudenken und entsprechend zu optimieren.“ Automatisierung ist ĂŒbrigens nicht nur dann sinnvoll, wenn immer die gleiche WerkzeuggrĂ¶ĂŸe oder -art gefertigt werden muss: „Mit einer flexiblen Automatisierung können höchst unterschiedliche Werkzeuge abgearbeitet werden“, betont Zellinger. Vorausgesetzt, man hat das System richtig aufgesetzt.“

Rationalisierung als erster Schritt
ZellingerAuch aus Sicht von Gerhard Zellinger, GeschĂ€ftsfĂŒhrer und EigentĂŒmer des Werkzeug- und Formenbauunternehmens Precupa, ist der erste Schritt zu einer Automatisierung die Rationalisierung: „Rationalisierung heißt: ArbeitsablĂ€ufe und Prozesse unter die Lupe zu nehmen, zu optimieren und gegebenenfalls auch ,auszumisten‘“, erklĂ€rt der erfahrene Praktiker. „Wir haben 35 Jahre an Unternehmensgeschichte – und man kann sich vorstellen, da sammelt sich so einiges an.“ Bei Precupa ist man ĂŒbrigens ganz bewusst zunĂ€chst von einer Teilautomatisierung der Maschinen wieder einen Schritt zurĂŒck gegangen: „Wir hatten das GefĂŒhl, dass wir mit der Automatisierung, wie wir sie hatten, einen Teil unserer Kernkompetenz verloren hatten“, erklĂ€rt Zellinger. „Wir wollten ganz bewusst von vorn beginnen, erst optimieren und rationalisieren. Und erst dann, wenn hier wirklich alles ausgereizt ist, dann setzen wir darauf die Automatisierung auf. Automatisierung ist wichtig, aber zuerst muss das Umfeld passen.“

Verstehen, was Anwender brauchen
Wenn es um Automatisierung im Werkzeugbau geht, muss ein Projektplaner EmertzunĂ€chst verstehen, wo der Anwender steht – was genau er braucht. „Die Frage darf nicht sein, was möglich ist, sondern was notwendig und fĂŒr den Anwender passend ist“, betont Wolfgang Emert, GeschĂ€ftsfĂŒhrer bei Zimmer& Kreim. „Hier sind wir Hersteller in der Verantwortung. Viele behaupten, dem Anwender eine passende Automatisierung maßschneidern zu können. Aber nur wenige sind dazu auch tatsĂ€chlich in der Lage – so mancher Anwender hat da schon einen langen Leidensweg hinter sich.“

Wichtig fĂŒr den Anwender ist, einen Partner zu finden, der sich qualifiziert und unter BerĂŒcksichtigung der Situation des Anwenders um alle Aspekte der Automatisierung kĂŒmmert. „Das reicht von den Werkzeug- und Erodiermaschinen ĂŒber Automatisierungshardware und Roboter-Systeme bis hin zu Software und Weiterqualifizierung der Bediener“, erklĂ€rt Emert. „Wir ĂŒbernehmen hier die Systemverantwortung fĂŒr die komplette Lösung.“ Dabei darf der Partner auch keine Scheuklappen haben, die den Blick auf das eigene Produktportfolio beschrĂ€nken: „Wenn wir uns als Hersteller natĂŒrlich wĂŒnschen wĂŒrden, dass wir das Optimale fĂŒr alle Anwender im Portfolio haben – im Vordergrund stehen die BedĂŒrfnisse und der Erfolg der Anwender. Und das kann dann auch durchaus einmal bedeuten, dass wir das Produkt eines unserer Wettbewerber statt der eigenen Maschine empfehlen, wenn das fĂŒr die Lösung besser geeignet ist“, betont Emert. „Hier ist langfristiges Denken gefordert. Das kommt letztendlich auch uns wieder zugute. Denn nur wenn der Anwender mit unserer Lösung Erfolg hat, wird er wiederkommen und uns weiterempfehlen.“

ZanderBei einem Automatisierungsprojekt steht in vielen FĂ€llen die bessere Auslastung der Maschinen im Vordergrund. Georg Zander, Technischer Direktor bei OPS Ingersoll, sieht indes auch eine konstante Prozesssicherheit als wesentlichen Faktor: „Der Bediener hat Höhen und Tiefen, gute Tage und weniger gute. DafĂŒr treibt er unter UmstĂ€nden seine Maschine zu Spitzenleistungen, an die eine Automatisierung nie herankommt – andererseits macht ein Mensch aber auch Fehler“, erklĂ€rt er. „In einer Automatisierung, in der konstante Bedingungen herrschen, gibt es konstante Ergebnisse, die sich zudem auch automatisiert prĂŒfen lassen. QualitĂ€t wird in einer Automation unter anderem auch damit definiert, dass möglichst wenig Fehler passieren.“

FlexibilitÀt geht nicht verloren
Bei richtiger Automatisierung geht indes die FlexibilitĂ€t nicht verloren: „Wenn Dorrlöchterbesondere Leistung gefragt ist, muss der Mann an der Maschine die nach wie vor einbringen können. Genau das ist der Vorteil einer individuell angepassten Automatisierung“, erklĂ€rt Jochen Dorlöchter. „Dabei ist es keineswegs notwendig, gleich mit einem Vollausbau zu beginnen. Hier sind die Hersteller inzwischen deutlich weiter als damals, als wir mit der Automatisierung angefangen haben. Heute kann eine Automatisierung mitwachsen, sie ist auch im Nachhinein, etwa wenn sich die Anforderungen Ă€ndern, jederzeit an neue Situationen anzupassen.“ Die technischen Möglichkeiten in kleineren Ausbaustufen sind laut Joachim Mayer, technischer Leiter und Prokurist bei Exeron, durchaus vielfĂ€ltig: „Man kann auch in Zwischenausbaustufen sĂ€mtliche Techniken realisieren“, erklĂ€rt er. „Die Palette reicht dabei von Chip-Identifikation bis hin zu Koppelungen mit CAM- und Messsystemen.“

AusbaufÀhige Lösung
Dass nicht immer ein Vollausbau das Richtige fĂŒr den Anwender ist, betont auch RĂŒdiger Haas, Professor an der FakultĂ€t fĂŒr Maschinenbau der Hochschule Karlsruhe und Leiter des dortigen Instituts fĂŒr Fertigungstechnik und Produktion (IFP): „Es gibt sehr viele charmante Zwischenausbaustufen, bei denen man mit durchaus ĂŒberschaubaren Investitionen Automatisierungslösungen etablieren kann, die auch zukĂŒnftig ausbaufĂ€hig sind“, erklĂ€rt er. „Was ĂŒbrigens bei den Kosten auch berĂŒcksichtigt werden muss: Automatisierungslösungen erfordern Schulungen, die innerbetriebliche Inbetriebnahme stört eventuell die AblĂ€ufe, und so eine Investition rechnet sich auch nicht von Anfang an.“ Und das steht in der Regel nicht in der Kalkulation der Automatisierer.

Eine bessere Kalkulierbarkeit komplexer Anlagen, wie sie die Automatisierung ausmachen, wĂŒnscht sich auch Gerhard Zellinger: „Ich wĂŒrde mir wĂŒnschen, dass Hochschulen und Hersteller uns Anwendern MessgrĂ¶ĂŸen an die Hand geben, mit denen sich solch eine Investition besser beurteilen lĂ€sst. Mit denen man klar sagen kann, wo man beispielsweise in drei Jahren steht – ob sich die Investition rechnet oder nicht.“ Momentan, so sein Vorwurf, ist man oft auf das eigene ,BauchgefĂŒhl‘ angewiesen. „Das ist aber fĂŒr eine seriöse Investitionsrechnung viel zu wenig.“

MeyerDie Automatisierung allein vergrĂ¶ĂŸert leider nicht die Nachfrage nach Werkzeugen insgesamt: „Aber sie verbessert die WettbewerbsfĂ€higkeit des einzelnen Werkzeug- und Formenbauers“, erklĂ€rt Joachim Mayer. „Wir stellen gerade jetzt fest, dass insbesondere jene Unternehmen, die rechtzeitig investiert und sich entsprechend aufgestellt haben, in der Regel auch jetzt nicht schlecht ausgelastet sind. Die haben die Investition fĂŒr sich rechtzeitig durchgerechnet und inzwischen ein RentabilitĂ€tsniveau erreicht, in dem sie auch in Krisenzeiten wettbewerbsfĂ€hig sind.“

Erfolgsfaktor Mitarbeiter
Ein weiterer nicht zu unterschĂ€tzender Aspekt fĂŒr den Erfolg einer Automatisierung ist der Faktor Mensch: Keine Automatisierung kann erfolgreich sein, wenn die Mitarbeiter sie nicht mittragen. „1988 hatten wir eine riesige automatisierte Anlage geliefert – an einen großen Automobilhersteller“, berichtet Georg Zander. „Diese Anlage wurde vom Management entschieden, kein Bediener wurde gefragt. Das Ergebnis der millionenschweren Investition: ein kompletter Flop, weil die Mitarbeiter die Anlage nicht mitgetragen haben. So war das am Anfang in vielen FĂ€llen – und damit hatte die Automatisierung schon in den Kinderschuhen eine schwere BĂŒrde.“

Organisches Wachstum
Erfolg hatte Automation immer dann, wenn sie klein anfing und organisch wachsen konnte und die Mitarbeiter mit einbezog: „Der Mann an der Maschine muss erkennen können, dass die Automatisierung ein Werkzeug ist, das ihm hilft – mehr noch, dass es sogar hilft, seinen Arbeitsplatz sicherer zu machen“, erklĂ€rt Zander. Etwa indem Automatisierung die KapazitĂ€t der Maschine mit der VerlĂ€ngerung der Bearbeitung in mannlose Zeiten erhöht und damit die RentabilitĂ€t verbessert.

„Ich darf meinen Werkzeugmachern nie das GefĂŒhl geben, dass ich mit Automatisierung ihren Arbeitsplatz wegrationalisiere“, betont auch Willi Schmid. „Bei der Automatisierung muss man die Menschen mit einbeziehen. Sonst kann der Chef kaufen, was er will – es wird nie richtig funktionieren. Das ist ein Prozess, der im Kopf beginnt – man muss mit kleinen Schritten anfangen undPodiumsdiskussion_1 die Mannschaft mitnehmen.“

Denn wer sich fĂŒr eine Automatisierungslösung entscheidet, geht nach Meinung des erfahrenen Werkzeugbau-Unternehhmers „einen halben Ehevertrag“ ein. „Und eine Scheidung kommt teuer“, warnt Schmidt. „Es hat durchaus Vorteile, exakt die Mitarbeiter maßgeblich am Entscheidungsprozess zu beteiligen, die mit der Lösung spĂ€ter auch arbeiten mĂŒssen. Als Unternehmer, als Chef ist man ja leider oft schon sehr weit von der Praxis weg.“

Dass Automatisierung aus Sicht der Mitarbeiter ein durchaus zweischneidiges Schwert sein kann, erlĂ€utert Professor Haas: „In Deutschland muss das Thema Wirtschaftlichkeit im Vordergrund stehen. Und natĂŒrlich ist es so, dass Automatisierung auf der einen Seite zunĂ€chst Mitarbeiter freisetzt – sonst mĂŒssten wir nicht automatisieren. Wir verketten schließlich die Prozesse nicht zuletzt deswegen miteinander, um auf die teuren ,menschlichen Roboter‘ verzichten zu können.“ Die andere Seite ist, dass die Automatisierung zukĂŒnftig auch neue, hochqualifizierte ArbeitsplĂ€tze und Berufsbilder schaffen muss – etwa den Zellenmanager oder den Automatisierer. „Das erfordert aber auch ein anderes Wissen, der Werkzeug- und Formenbau kommt auf Dauer an einer gewissen ,Akademisierung‘ nicht vorbei“, betont Haas. „Das bedeutet aber auch, dass wir die Leute auf ihrem derzeitigen Stand abholen und auf den Weg in die Zukunft mitnehmen mĂŒssen.“

Auf den Werkzeugbau abgestimmt
Neben der richtigen Hardware ist auch die installierte Software ein essenzieller DombertFaktor: „Klar steht fĂŒr den Anwender die Hardware – das, was SpĂ€ne macht – im Vordergrund. Die Software wird oft eher als notwendiges Übel gesehen“, erklĂ€rt Dirk Dombert, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Cimatron GmbH. „GrundsĂ€tzlich ist es wichtig, einen Softwarepartner zu wĂ€hlen, der seine Entwicklungen zu 100 Prozent auf die Erfordernisse des Werkzeug- und Formenbau abstimmt. Hier macht es durchaus Sinn, neben den Informationen des Softwareherstellers auch Erkenntnisse aus dem Anwenderkreis in den Auswahlprozess einfließen zu lassen. Mit Referenzbesuchen bei anderen Werkzeug- und Formenbauern rundet sich dann ein Bild ab. Dabei erfĂ€hrt man viel ĂŒber die Applikationen und die Serviceorientierung verschiedener Anbieter. SoftwareprĂ€sentationen an Demoteilen schauen immer gut aus, haben aber mit der betrieblichen Wirklichkeit meistens wenig zu tun.“ Wichtig ist, dass sich die Software mit den Innovationen im Maschinen-, Steuerungs- und Hardwarebereich weiterentwickelt. „Den wahren Wert einer Lösung erkennt man immer dann, wenn man trotz neuer Technologien, Materialien und verĂ€nderter Prozesse mit der bewĂ€hrten Softwarelösung weiter arbeiten kann“, erlĂ€utert Dombert. „Innovationen werden den Automatisierungsprozess im Werkzeug- und Formenbau weiter nach vorne treiben. Software wird dabei immer von zentraler Bedeutung sein.“

Werkzeug- und Formenbauer sind nach seiner Erfahrung auch in der aktuellen konjunkturellen Situation durchaus bereit, in Automatisierungslösungen zu investieren. Aber: „Eines der grĂ¶ĂŸten Probleme sind derzeit die Banken“, erklĂ€rt Dombert. „Die Kapitalausstattung der Unternehmen ist ein großes Thema – und die Banken sind bei der Kreditvergabe noch immer sehr zögerlich – das treibt die Finanzierungskosten in die Höhe.“

Das traditionelle Berufsbild ist einem stetigen Wandel unterworfen
Automatisierung ist eine notwendige Entwicklung im Werkzeug- und Formenbau: „Nichts ist so bestĂ€ndig wie die VerĂ€nderung: Das war auch vor rund 20 Jahren so, als der Handwerker lernen musste, die Befehle in die Steuerung seiner neuen CNC-Werkzeugmaschine einzutippen. Auch damals hat sich das traditionelle Berufsbild gewandelt – und wurde letztlich auch deutlich aufgewertet“, erklĂ€rt Joachim Mayer. „Diese Entwicklung betraf Betriebe aller GrĂ¶ĂŸen – es gab immer Mitarbeiter, die als Erste eine neue Maschine bedienen konnten. Und das Gleiche erleben wir jetzt eine Stufe höher bei der Automation: Hier ist es notwendig, dass die betroffenen Mitarbeiter etwa die ZusammenhĂ€nge und Bedienungsnotwendigkeiten einer verketteten und automatisierten Anlage verstehen und erlernen.“ Das ist auch eine Herausforderung an die Anbieter: „Wir stehen in der Pflicht, die Anwender nicht nur im Vorfeld der Automatisierung individuell passend und umfassend zu beraten, sondern auch die EinfĂŒhrung und spĂ€ter auch den Betrieb mit speziellen Trainingsprogrammen zu begleiten.“


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