Trendreport
Hardrock statt Wirtschaftsblues
04.05.2010
Branche: Jeder zehnte BeschĂ€ftigte in Deutschland arbeitet fĂŒr den Gesundheitssektor. Mit steigender Tendenz. Die Medizintechnik profitiert von diesem Trend â hier gab es auch in der aktuellen Krise ein deutliches Wachstum. Nicht erst jetzt ĂŒberlegen sich daher viele Unternehmen einen Einstieg in die Medizintechnik. Grund fĂŒr einen Blick auf eine Branche, die mit Innovationen und Weiterentwicklungen klar den Ton angibt.
Die Medizintechnik gewinnt fĂŒr viele fertigungstechnische Betriebe zunehmend an Bedeutung â zĂ€hlt sie doch zu den wenigen Branchen, die selbst wĂ€hrend der aktuellen Wirtschaftskrise noch zugelegt haben und auch fĂŒr die Zukunft mit weiterem, gleichmĂ€Ăigen Wachstum rechnen. Dabei werden aufwĂ€ndige Technologien zur Bearbeitung von orthopĂ€dischen und dentalen Implantaten ebenso benötigt wie hochwertige Formen und Werkzeuge zur Herstellung von medizinischen Serienteilen.
Jeder zehnte BeschĂ€ftigte in Deutschland arbeitet fĂŒr den Gesundheitssektor â insgesamt rund 4,6 Mio. Menschen. Mit klar steigender Tendenz: Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der BeschĂ€ftigten in dieser Branche um rund eine halbe Million gewachsen, das sind mehr als 12 Prozent. Im vergangenen Jahr lagen die Gesundheitsausgaben allein in Deutschland bei rund 263 Mrd. Euro â das sind rund 10,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Wen wundertâs â schlieĂlich ist Gesundheit eines unserer höchsten GĂŒter. Etwas, auf das niemand verzichten will.
Dazu kommt die demographische Entwicklung: Nicht nur in Deutschland werden die Menschen immer Àlter. Weltweit wÀchst das Gesundheitsbewusstsein und damit der Bedarf, auch in spÀteren Lebensjahren möglichst beschwerdefrei zu leben.
Erweiterter Gesundheitsbegriff
Diese Faktoren und der inzwischen weiter gefasste Gesundheitsbegriff erfordern ein ausgeprĂ€gtes und leistungsfĂ€higes Gesundheitswesen. Und eine hochentwickelte Industrie, die vom Implantat ĂŒber die chirurgischen Instrumente bis zum Computertomographen all jene Produkte bereitstellt, die dafĂŒr sorgen, dass Patienten optimal versorgt werden können.
Allein in Deutschland wurden im vergangenen Jahr fĂŒr medizinischen Bedarf rund 24 Mrd. Euro ausgegeben â das sind rund 8 Prozent des Weltmarkts: Hier ist Deutschland nach den USA (41 Prozent) und Japan (12 Prozent) an dritter Position. Deutschland ist damit auch der mit Abstand gröĂte Markt Europas.
Deutschland ist einer der fĂŒhrenden Produktionsstandorte dieser Branche: Hierzulande sind laut Bundesverband Medizintechnik (BVMed) mittlerweile rund 170â 000 Arbeitnehmer in mehr als 11â 000 Unternehmen beschĂ€ftigt. Die Branche gilt als hochinnovativ und wachstumsstark â auch in Zeiten der Krise. Eine Studie der Nordbank rechnet bis zum Jahr 2020 mit einem jĂ€hrlichen Wachstum von rund 8 Prozent.
Forschung und Entwicklung
Rund 15 Prozent der BeschĂ€ftigten sind im Bereich Forschung und Entwicklung tĂ€tig, auch hier geht der Trend stark nach oben. Deutschlands Medizintechnik-Hersteller erzielen rund ein Drittel ihres Umsatzes mit Produkten, die maximal drei Jahre alt sind. Durchschnittlich werden rund 9 Prozent des Umsatzes in F&E investiert (zum Vergleich: die Verarbeitende Industrie insgesamt kommt gerade einmal auf 3,4 Prozent). Abgesehen von wenigen groĂen Unternehmen prĂ€gen hauptsĂ€chlich MittelstĂ€ndler die Branche: Rund 95 Prozent der Unternehmen beschĂ€ftigt weniger als 250 Mitarbeiter.
Neben klassischem Werkzeug- und Formenbau bietet die Medizintechnik ein weites BetĂ€tigungsfeld fĂŒr Unternehmen aus dem Werkzeug- und Formenbau: Mit der in ihrem Bereich ĂŒblichen hohen PrĂ€zision und OberflĂ€chengĂŒte der Produkte sind solche Unternehmen geradezu prĂ€destiniert fĂŒr die MeÂdizintechnik. Wie im Werkzeugbau sind auch in einigen Bereichen der Medizintechnik LosgröĂe 1 oder kleinste StĂŒckzahlen gefordert. Höchste QualitĂ€t und anspruchsvolle Materialien sind eine Herausforderung fĂŒr die Zerspanung.
Sehr anspruchsvoll ist die Herstellung medizintechnischer Teile, die letztlich in Patienten âverbautâ werden:
Implantate sind, beispielsweise nach Kopfverletzungen, zum Teil individuell auf den Patienten maĂgeschneidert. Zum einen, um die Operationen fĂŒr Patient und Mediziner so komfortabel wie möglich zu gestalten, aber auch, um die Heilung positiv zu beeinflussen. Das erfordert eine sehr enge Zusammenarbeit der Zerspaner mit dem medizinischen Personal und eine sehr schnelle ReaktionsfĂ€higkeit. Und zwar ohne Abstriche bei der QualitĂ€t. Beispielsweise wenn Daten aus der klinischen Computertomographie des Patienten direkt das Bearbeitungsprogramm fĂŒr das Implantat entsteht. Hier ist das Know-how des Zerspaners ebenso wichtig wie das des Mediziners â schlieĂlich soll das WerkstĂŒck in vielen FĂ€llen lebenslang im Patienten verbleiben.
Werkstoffe gelten oft als âschwierigâ
Wenn es um Implantate geht, ist die Auswahl der Werkstoffe ein wichtiger Faktor: Sie mĂŒssen nicht nur die FunktionalitĂ€t möglichst dauerhaft gewĂ€hrleisten, sondern auch im menschlichen Körper vertrĂ€glich sein. Gerade solche vertrĂ€glichen Werkstoffe können bei der Bearbeitug extrem problematisch sein. Beispielsweise, weil sie sehr hart und sehr spröde und damit oft auch sehr diffizil zu zerspanen sind.
Neben den Implantaten bietet auch der âklassischeâ Werkzeug- und Formenbau ein weites BetĂ€tigungsfeld â in der Serienfertigung medizintechnischer WerkstĂŒcke ist vom Folgeverbundwerkzeug ĂŒber das Schmiedegesenk bis hin zum SpritzgieĂwerkzeug die gesamte Bandbreite gefragt: Ob es um KanĂŒlen geht oder um in Serie hergestellte kĂŒnstliche Kniegelenke, ob es sich um Bestandteile von groĂen DiagnosegerĂ€ten, um ein Einweg-Instrument fĂŒr die Chirurgie oder schlicht um die sterile Verpackung von OP-Material handelt â die Möglichkeiten sind hier sehr vielfĂ€ltig. Ebenso vielfĂ€ltig sind die Anforderungen der Mediziner an die Medizintechnik: WĂ€hrend beispielsweise das Folgeverbundwerkzeug fĂŒr eine Einweg-Schere fĂŒr die mikroinvasive Chirurgie im ”m-Bereich toleriert sein muss, reichen anderswo, etwa bei manchen Implantaten, locker ein paar Hundertstel. Bei hochwertigen chirurgischen Instrumenten wiederum ist die OberflĂ€che ein wichtiger Faktor â sie muss leicht und grĂŒndlich zu desinfizieren sein.
Trend zu kleinsten GröĂen
Ein wichtiger Trend in der Medizintechnik geht zu kleinsten Dimensionen: Wenn etwa fĂŒr die Diagnose ein âLab-on-a-Chipâ eingesetzt wird, sind Formtoleranzen im einstelligen ”m-Bereich keine Seltenheit. Und auch die OberflĂ€che muss exakt passen. FĂŒr solche Aufgaben ist neben der entsprechend hochprĂ€zisen Technik auch ein umfassendes Know-how notwendig. Der VorstoĂ in kleinste Dimensionen erfordert neben Klimatisierung in vielen FĂ€llen auch absolute Sauberkeit â hier muss dann noch zusĂ€tzlich in Reinraumtechnik investiert werden.
Werkzeug- und Formenbau oder eine Produktion in kleinsten Dimensionen kann also nicht jeder â der stark erhöhte Aufwand der Unternehmen wird mit interessanten AuftrĂ€gen und teilweise sehr guten Margen indes mehr als ausgeglichen.
Die Medizintechnik bietet als Wachstumsbranche noch lukrative Möglichkeiten zum Einstieg. Die HĂŒrden sind zugegebenermaĂen durchaus ambitioniert â 3D-FrĂ€sen und 5-Achs-Bearbeitung sind in dieser Branche aufgrund der oft sehr komplexen Produkte weit verbreitet. In der Medizintechnologie sind zudem eine hohe FlexibilitĂ€t und schnelle Lieferbereitschaft weitere Faktoren, die fĂŒr so manches Unternehmen das K.o.-Kriterium sein dĂŒrften. Es ist also nicht unbedingt einfach, in der Branche FuĂ zu fassen. Aber der Aufwand kann sich durchaus lohnen.
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