Spritzen & Giessen

Tuschieren wird zum Muss

22.06.2010

Tuschierpresse: Immer mehr Formenbauer vertrauen beim Feinschliff ihrer Spritzgieß-Werkzeuge auf eine Tuschierpresse. Koller Formenbau und Kunststofftechnik in OberbĂŒrg holte sich nun eine MIL 303 mit einer Schließkraft von 3000 kN aus der Blue Line des italienischen Pressen-Herstellers Millutensil ins Haus.

Die Tuschierpresse produziert nichts, und trotzdem ist sie ein inzwischen unverzichtbares Glied in der Wertschöpfungskette: „Heute verlangen bereits zahlreiche OEMs beispielsweise bei der Vergabe eines StoßfĂ€ngerwerkzeugs explizit, dass der Formenbauer ĂŒber eine Tuschierpresse mit einem Tisch von mindestens 2 x 3 m verfĂŒgt“, erklĂ€rt Max Koller, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Koller Formenbau und Kunststofftechnik GmbH in OberbĂŒrg. „Die Presse kann dem Kunden nicht in Rechnung gestellt werden – aber sie ist inzwischen oft die Vorbedingung, dass man ĂŒberhaupt in die Auswahl gelangt.“

Wer sein Werkzeug fein abstimmen muss, kommt um eine Presse nicht herum. „Um es gleich vorweg zu sagen: FrĂ€sen ,auf Null‘ ist eine Illusion – gerade bei sehr großen Werkzeugen mĂŒssen die letzten Hundertstel am Schluss auf der Tuschierpresse geholt werden“, weiß Koller. „Es gibt zwar auch Kollegen, die die WerkzeughĂ€lften einfach mit dem Kran zusammenfahren, auch auf die Gefahr hin, sich die exakten Kanten zu ruinieren. Andere wiederum tuschieren auf der Spritzgießmaschine. Aber damit lĂ€sst sich weder exakt noch komfortabel arbeiten.“

Keine Kompromisse beim Tuschieren
So sind beim Tuschieren per Kran nicht annĂ€hernd die KrĂ€fte zu simulieren, die auf die Form im Betrieb einwirken. Und wer auf einer Spritzgießmaschine tuschiert, muss bedenken, dass die WerkzeughĂ€lften aufgrund der auf sie wirkenden Schwerkraft niemals in der Maschine parallel ausgerichtet sind. „Damit kann das Ergebnis niemals passen, zumal die Zustellung der Spritzgießmaschinen in der Regel doch sehr grobschlĂ€chtig gehalten ist“, betont Koller. „Zudem ist das Tuschieren auf Spritzgießmaschinen schlicht zu teuer – die sollen ja schließlich Teile produzieren. Und wer schon einmal versucht hat, an den hĂ€ngenden Werkzeugen im engen Arbeitsraum Korrekturen auszufĂŒhren, weiß, dass dies von einem ergonomischen Arbeiten weit entfernt ist.“

Deshalb setzt Koller schon von Anfang an auf kompromissloses Tuschieren: Bereits die fĂŒnfte Maschine im Unternehmen war eine Tuschierpresse, heute stehen verschiedene Modelle unterschiedlicher Hersteller im Betrieb. „Jetzt aber wollten wir auch noch grĂ¶ĂŸere Werkzeuge komfortabel tuschieren – deshalb sahen wir uns am Markt nach einer neuen Lösung um.“

Das sagt die Redaktion:

Nicht am falschen Ende sparen!
Ein „Tuschieren“ per Kran oder auf der Spritzgießmaschine ist wohl eher als „Beruhigungspille“ einzustufen – nicht von ungefĂ€hr bestehen große OEMs zunehmend auf den Einsatz der Tuschierpresse. Nur mit einer feinfĂŒhligen Maschine lassen sich die letzten Hundertstel aus der Form holen – unerlĂ€sslich gerade bei sehr großen Werkzeugen. Gute Tuschierpressen verfĂŒgen ĂŒber ein automatisches System, das Stempel und Matrize per Knopfdruck in einer fĂŒr den Bediener ergonomischen Position ablegt. So lassen sich Korrekturen bequem, wirtschaftlich und schnell ausfĂŒhren – deutlich einfacher als etwa auf Spritzgießmaschinen. Auch wenn die Presse (hoffentlich!) keine SpĂ€ne macht – in vielen FĂ€llen amortisiert sich ihre Investition sehr schnell ĂŒber mehr FlexibilitĂ€t und eine Entlastung von Mitarbeitern und Produktionsmitteln.
Richard Pergler

Hallenhöhe limitiert BaugrĂ¶ĂŸe
Die bislang vorhandene grĂ¶ĂŸte Presse musste aufgrund der Hallenhöhe und der KrĂ€ne bereits in eine Grube abgesenkt werden. „Unsere neue Presse sollte daher sehr kompakt bauen und ebenerdig stehen können, um ein ergonomisches Werkzeug-Handling zu ermöglichen“, erlĂ€utert Koller. „Wir wollten den Tuschier-Prozess so effizient und fĂŒr den Bediener so angenehm wie möglich gestalten. Deshalb sahen wir uns im Vorfeld der Entscheidung bei unterschiedlichen Herstellern nach einer optimalen Lösung um.“

FĂŒndig wurde Koller beim italienischen Pressenhersteller Millutensil, die MIL 303 aus der Blue Line passte genau in das Anforderungsprofil. Ihre Ansteuerung ĂŒber vier Zylinder spart Bauhöhe und hĂ€lt die Maschine kompakt. Zudem verteilt sich so der Anpressdruck sehr gleichmĂ€ĂŸig ĂŒber die gesamte FlĂ€che der Tische.

Mit ausschlaggebend fĂŒr die Entscheidung zugunsten der MIL 303 war indes das Handling der Formen auf der Maschine: „Besonders hat uns gefallen, dass nach dem Tuschieren Stempel und Matritze automatisch in eine Position gefahren werden können, in der sie vom Werkzeugmacher bequem nachbearbeitet werden können“, erklĂ€rt Koller. Der Stempel lĂ€sst sich um bis zu 180° schwenken und vor der Presse ablegen, die Matrize fĂ€hrt seitlich aus der Presse und kann nach beiden Seiten um jeweils bis zu 70° geschwenkt werden. „Beide Komponenten sind damit sehr ergonomisch zugĂ€nglich, der Mitarbeiter hat alle relevanten Bereiche im Blick und kann so sehr schnell und genau prĂŒfen, wo noch Nacharbeit notwendig ist, und die notwendigen Maßnahmen ausfĂŒhren.“

Kraftvoll, aber auch sehr feinfĂŒhlig
So kraftvoll die Presse auch zudrĂŒcken kann, so feinfĂŒhlig ist sie auch: Vier Lasersysteme an den Seiten der Presse sorgen fĂŒr eine exakte Parallelismus-Kontrolle. „Ihr Toleranzfeld ist auf 2/10 eingestellt – das ist eine Abweichung, die bei uns im Formenbau im Normalfall niemals vorkommen kann. FĂŒr die Steuerung ist dieser Grenzwert ein klares Indiz fĂŒr eine Störung“, erklĂ€rt Koller. Die intelligente Steuerung der Maschine erkennt den Fehler und zieht die Werkzeugkomponenten sicher zurĂŒck. „So wird gewĂ€hrleistet, dass die Form nicht beschĂ€digt wird, auch wenn einmal ein Hammer in ihr liegen bleibt.“

HydraulikanschlĂŒsse ermöglichen es, KernzĂŒge und Schieber des Werkzeugs auf der Presse zu bewegen und so in der Aufspannung einen kompletten Zyklus durchzufahren. Sowohl Positionierung als auch Anpresskraft lassen sich sehr exakt und feinfĂŒhlig regeln. Optional kann die Presse auch so konfiguriert werden, dass sich per eingespritztem Wachs ein erstes Modell fertigen lĂ€sst. Bei Koller hat man darauf verzichtet, da entsprechend leistungsfĂ€hige Spritzgießmaschinen im Unternehmen vorhanden sind.

Unentbehrliche Hilfe auch bei Reparaturen und Änderungen
„Wir greifen aber nicht nur bei Neuwerkzeugen auf die Presse zurĂŒck – sie ist auch bei Werkzeugreparaturen und -Ă€nderungen eine unentbehrliche Hilfe, da dabei in der Regel sehr viele manuelle ArbeitsgĂ€nge erforderlich sind“, erklĂ€rt Koller. „Mit der neuen Presse, ihrem einfachen Handling und den ergonomischen Arbeitspositionen an den Werkzeugkomponenten können wir auch bei komplexen Reparaturen und Änderungen sehr schnell reagieren. Oft schaffen wir das sogar ĂŒber Nacht, so dass das Werkzeug am nĂ€chsten Tag wieder laufen kann und der Ausfall auf ein absolutes Minimum beschrĂ€nkt bleibt. Diese FlexibilitĂ€t und die FĂ€higkeit, schnell auf die BedĂŒrfnisse der OEMs reagieren zu können, ist fĂŒr ein Werkzeug- und Formenbauunternehmen in Deutschland ein gewichtiger Wettbewerbsvorteil.“


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